Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus.

Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ sind:

Christian Modehn, 1948 in Berlin – Friedrichshagen geboren, hat nach dem Abitur in West-Berlin Theologie (Staatsexamen über Heidegger) und Philosophie (M.A. über Hegel) studiert: In Berlin (F.U.), St. Augustin, Bonn und München. Er arbeitete von 1973 bis 2007  immer als freier Journalist, über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM. Zur Information über einige meiner Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen klicken Sie bitte hier.

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet.

…..

Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 gab es keine öffentlichen Salon – Veranstaltungen (“Präsenz-Veranstaltungen”) mehr, hingegen werden oft neue Beiträge als Hinweise zur Debatte auf unserer Website publiziert.

Warum ein religionsphilosophischer Salon?

1.

Der Titel und die „Sache“ „philosophischer Salon“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre (also in einem „Salon“), ist evident.
(Frontal-) Vorträge – etwa in Akademien – vor zahlreichem, weithin bloß zuhörendem Publikum sind oft Ausdruck autoritären Belehrens. Ein Salon ist ein freundlicher Ort des Dialogs.

2.

In unserem religionsphilosophischen Salon soll das Philosophieren geübt werden, also das selbstkritische, systematische Nachdenken. Das Thema Religion wird auch in den heutigen Philosophien ernst genommen. Philosophische Religionskritik hat nicht mehr Sinn zu beweisen, dass Religion bedeutungslos ist, im Gegenteil: Philosophische Religionskritik zeigt, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann. Und welche Gestalten von Religion/Kirchen/”Sekten” alles andere als einen befreienden Charakter haben. Der Klerikalismus herrscht ungebrochen in der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen; im weiten Feld des Evangelischen nimmt die Herrschaft der fundamentalistischen evangelikalen Kirchen ständig. freisinnige, vernünftige christliche Kirchen sind leider marginal (vgl. die Remonstranten). 

3.

Unser religionsphilosophischer Salon ist wichtig angesichts des tiefgreifenden religiösen Umbruchs in Deutschland /Europa. Die Bindung an die Kirchen lässt bekanntlich immer mehr nach. Die so genannte Säkularisierung nimmt zu. Aber Säkularisierung bedeutet gerade nicht automatisch Zunahme des Atheismus. Religionsphilosophische Salons können die Themen der Religionen und das subjektive Bewegtsein durch religiöse Fragen angesichts der Kirchenkrise vernünftig weiterführen, in der Freiheit des Geistes… über den Klerikalismus oder den vielfältigen religiösen Fundamentalismus hinaus.

4.

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine besonders relevante Frage, auch angesichts der Zunahme christlicher und muslimischer Fundamentalismen. Dringend wird die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

5.

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten also in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt. Dabei treten diese unterschiedlichen Entwürfe in einen lernbereiten Dialog. In unserem religionsphilosophischen Salon gibt es z.B.ein starkes Interesse am (Zen-) Buddhismus.

6.

Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten können und sollen und das Göttliche, das Transzendente erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend. Es ist sozusagen unthematisch gegenwärtig im Geist des Menschen.
Wenn der Mensch nach dem Göttlichen fragt, hat er also notwendigerweise „immer schon“ ein gewisses Vorverständnis vom Göttlichen. Dieses „Vorwissen“ gilt, nebenbei, für alles Fragen und Suchen.

7.

Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. In dieser Offenheit, Grenzen zu überschreiten, zeigt sich die Lebendigkeit der Religions -Philosophie. Philosophieren ist etwas Lebendiges, im Unterschied zu vielen klerikalen Konfessionen ist sie nichts Erstarrtes voller Verbotsschilder

8.

Diese „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich in allen Lebensbereichen statt, kann sich von allen „Produkten des Geistes“ (Hegel) bewegen lassen. Wer die Gesprächsthemen anschaut, die wir seit 2007 in den meist monatlichen Veranstaltungen („Salon-Abende“) in den Mittelpunkt stellen, wird von der großen Vielfalt überrascht sein. Bisher fanden ca. 100 Salon-Gespräche statt.

9.

Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen Ort? Als Raum eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und öffentlichen Räume. Sie sind meist nicht sehr „inspirierend“, d.h. sie sind „ungemütlich“, also keine Salons, sondern eher Amtsstuben.

10.

In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

11.

Unser religionsphilosophischer Salon sollte auch ein Ort freundschaftlicher Begegnung und menschlicher Nähe. Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrnemtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird.

12.

Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans – van Gunst aus Amsterdam…

Am 25.1.2023 notiert: Eine traurige Nachricht, ein großer Verlust für eine moderne “liberale Theologie”: Prof. Wilhelm Gräb, Prof. em. für praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin,  ist am 23. Januar 2023 in Berlin nach langer Krankheit gestorben. Der Religionsphilosophische Salon Berlin verdankt ihm viele wichtige Anregungen und dankt nochmals auf diese Weise für insgesamt 65 Beiträge und Interviews, die Wilhelm Gräb in mehr als zehn Jahren für diese website gab. LINK.

Ich darf sagen, wir haben einen Freund verloren, der als ein Theologe der heutigen Moderne ungewöhnliche, aber richtige Perspektiven zeigte in seiner großen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Für ihn war die religiöse Glaubensform eines jeden Menschen wichtiger als die fixierenden, dogmatischen Lehren der Kirche. Diese theologische Freiheit, alle dogmatische Engstirnigkeit, allen Fundamentalismus auch in der evangelischen Kirche zu überwinden, “beiseite zu tun”, wie Wilhelm gern sagte, ist in ihrem radikalen Mut schon ziemlich einmalig. Ob diese Vorschläge und Ansätze zu einer Reformationen der Kirchen noch ernstgenommen werden, gerade in dieser “Kirchenkrise” ist eine offene Frage… Über seine Verdienste in der Forschung zu Schleiermacher wird später zu berichten sein.

Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK 

Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”. LINK:

Über vierzig viel beachtete Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin, Humboldt – Universität) sind auf unserer Website publiziert. LINK.

Die Bilanz, vorläufig, Ende Juni 2022, formuliert: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs außerhalb der üblichen kirchlichen Räume (!), also in Café oder Galerien,  aufgegriffen und realisiert wurde. Das ist ein Faktum: Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre sehr sehr wenige “Vertreter” der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. So konnten wir auch in jeder Hinsicht frei arbeiten!

Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Genauso wichtig wie die Salonabende sind auch die religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de , bisher sind dort ca.1.300 Beiträge als „Hinweise“ veröffentlicht, mehr als eine Million vierhundertausend „Klicker“ gab es bisher (Stand 27.6.2022).

Der geplante religionsphilosophische Salon am 27.3.2020 über Hegel musste leider wegen der Corona – Pandemie ausfallen. Wir hoffen, dass noch einmal Salon – Gespräche stattfinden können. Sicher auch über Hegel.
Dass die Veranstaltung über Hegel anlässlich seines 250. Todestagesausfallen musste, ist aber besonders zu bedauern. Einige einführende Hinweise zur Philosophie Hegels hatte ich für den 27.3. 2020 vorbereitet, klicken Sie hier. Nach wie vor empfehle ich das große „Hegel-Handbuch“ von Walter Jaeschke, J.B. Metzler Verlag, 3. Auflage, 540 Seiten, nur 24, 90Euro.

Unser letztes Salongespräch fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr statt, über das Thema: “Das Kalte Herz”. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die “imperiale Lebensweise”. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist schon bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

PS: Der religionsphilosophische Salon Berlin erhält von keiner Seite finanzielle Zuwendungen oder Unterstützung. Wir sind unabhängig und frei. Alle Arbeit für den Salon, also Organisation und die Impuls-Referate und die Moderation, leisten wir ehrenamtlich. Von den TeilnehmerInnen eines Salon-Abends werden lediglich 5 Euro erbeten … für die Raummiete in der Galerie Fantom.

Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprehend, keine Werbung für diese protestantische Kirche “betrieben”. 

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus.

Abbé Pierre: Ein hochverehrter Priester, nun Missbrauchstäter

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18. Juli 2024

1.
Wer Abbé Pierre auch persönlich kennt, wie der Autor dieses Hinweises, ist über die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs (von Frauen jetzt geäußert) durch Abbé Pierre überrascht, man möchte sagen empört: Abbé Pierre galt weithin, über die Kirche hinaus, sozusagen als eine „Lichtgestalt”, er war sehr viel mehr als der jetzt wieder ewig wiederholte „Sozialpriester“ und “Gründer der Emmaus-Bewegung“: Er war insgesamt ein heftiger, prophetischer Sozialkritiker, ein leidenschaftlicher Kirchen-Hierarchie-Kritiker, er forderte die Abschaffung des Zölibates, er forderte die Priesterweihe von Frauen LINK .
Abbé Pierre war auch ein – erfolgloser – Kritiker der skandalösen französischen Nationalhymne „Marseillaise“, kurzum, er war ein progressiver Denker und „Kämpfer“ an der Seite der Armen. Und ein Freund des Schauspielers Coluche, dem Gründer der Restaurants du Coeur“…
Um so tiefer die Erschütterung über die Bekenntnisse der missbrauchten Frauen, 17 Jahre NACH dem Tod Abbé Pierre im Jahr 2007 vorgebracht! „Die Vorwürfe beziehen sich den Angaben der betroffenen Frauen zufolge unter anderem auf wiederholte Äußerungen mit sexuellem Bezug und unerwünschtes Anfassen.“, schreibt katholisch.de am 17.7.2024 LINK .
Und : „Die Experten (des Sozialwerkes Emmaus) sammelten demnach die Aussagen von sieben Frauen, von denen eine zum Zeitpunkt der Übergriffe minderjährig gewesen sei. Die gesammelten Informationen könnten demnach darauf hindeuten, dass der Priester in dem Zeitraum zwischen dem Ende der 1970er Jahre und 2005 gegenüber Angestellten, Freiwilligen und Ehrenamtlichen der Emmaus-Organisationen sowie jungen Frauen aus seinem privaten Umfeld sexuell übergriffig geworden sei.“ Quelle: ORF: LINK

2.

Es ist für mich sehr erstaunlich, dass jetzt, 17 Jahre nach dem Tod Abbé Pierres, so viele Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs vorgebracht werden, hatte doch Abbé Pierre selbst ganz offen von seinen Beziehungen zu Frau gesprochen:
Aus einem Beitrag von Christian Modehn auf der Website religionsphilosophischer-salon.de LINK

In dem Beitrag (2012) habe ich geschrieben:

„Nur wenige Priester haben den Mut, über ihr eigenes Ringen mit der Keuschheit offen zu sprechen. Zu ihnen gehört der berühmte französische Sozialpriester Abbé Pierre, er ist im Jahr 2007 im Alter von 94 Jahren gestorben. Kurz vor seinem Tod schrieb er in dem Buch „Mein Gott, warum?“ (“Mon Dieu pourquoi”, Plon, Paris, 2005, auf Deutsch im DTV Verlag).

Abbé Pierre sagt: „Mit dem Keuschheitsgelübde hatte ich in gewisser Weise das Leben eines Gefangenen. Ich bezeichne diesen Zustand als freiwillige Unfreiheit. Es kam vor, dass ich der Kraft des erotischen Verlangens nachgab. Aber ich hatte nie eine richtige Beziehung. Da ich nicht zuließ, dass sich das sexuelle Verlangen in mir verwurzelte. Dies hätte zu einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau geführt, was jedoch mit meiner Lebensentscheidung zum Priestertum nicht vereinbar gewesen wäre.”
Abbé Pierre ging so weit einzugestehen, dass er seinen Freundinnen doch nicht gerecht geworden ist: „Folglich machte ich die Frauen unglücklich und fühlte mich selbst zwischen zwei unvereinbaren Lebensentscheidungen hin und her gerissen“.

3.
Der Missbrauchs – Vorwurf ist für mich um so erstaunlicher, als Abbé Pierre viele Jahrzehnte an seiner Seite, liebevoll umsorgt, seine Sekretärin und vor allem Freundin Lucie Coutaz (1899 – 1982) hatte, die Abbé Pierre so sehr liebte, dass er neben ihr auf dem Friedhof von Esteville bestattet werden wollte: LINK. Und LINK  .
Nach dem Tod von Madame Coutaz hat Abbé Pierre sich zur engen liebevollen Beziehung zu dieser seinen Freundin öffentlich bekannt. Das hat viele konservative Katholiken damals empört: „Ein Priester darf nicht lieben.“
Madame Coutaz wurde als „Le roc de l Abbé Pierre“ bezeichnet, als der sichere „Felsen“, auf dem er sich wohl fühlte. Abbé Pierre lebte die letzten Jahre eher zurückgezogen im Benediktinerkloster St. Wandrille bei Rouen…Er starb 2007.

4.
Und wichtig ist auch: Abbé Pierre hatte sehr viel persönliches Verständnis für Homosexuelle: Er zeigte gegenüber den Bischöfen den geradezu unverschämten Mut, den offen homosexuellen Priester, eine Ausnahmegestalt im 20.Jahrhundert, Abbé Jacques Perotti, als seinen Privat-Sekretär offiziell anzustellen. Abbé Pierre nahm ihn gern auf, mit ihm zusammen lebte er in einem Appartement der EMMAUS- Sozialbauten in Charenton – le – Pont. Perotti war auch führend beteiligt in der Bewegung katholischer Homosexueller „David und Jonathan“, neben Gérald de La Mauvinière als Gründer. Die Biographie von Abbé Perotti „Un pretre parle“ (erschienen 1995 bei filipacchi) wurde durch ein Vorwort Abbé Pierres unterstützt, unterschrieben hat er seinen wohlwollenden, sympathischen Text „Ton Frère Abbé Pierre“. Perotti wurde 1929 in Paris geboren, dort ist er 1999 gestorben.

5.
Die Bekenntnisse des sexuellen Missbrauchs an Frauen durch Abbé Pierre können für viele religiös Interessierte, zumal für die wenigen verbliebenen Katholiken in Frankreich, eine sehr tiefe Erschütterung auslösen, die vielleicht größer ist als die anläßlich der tatsächlichen vielen unsäglichen Enthüllungen sexuellen Missbrauchs durch Priester, Bischöfe und Nonnen in Frankreich in den letzten Jahren; nun also auch Abbé Pierre! Man möchte am liebsten noch ein Fragezeichen setzen.
„Aber die Zeit hat längst begonnen“, schreibt mir ein Freund aus Frankreich, „dass viele Beobachter die katholische Kirche als religiös gefärbten Verein von Missbrauchstätern erleben und deuten.“

6.
Über Abbé Pierre hat Christian Modehn in seinem Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloh 1993) einen kleinen Essay geschrieben, S. 109 f., „Liebe ist von Wut nicht zu trennen“, ist der Titel des Essays, ein Zitat von Abbé Pierre.
Und über seinen Sekretär, Abbé Jacques Perotti ist ebenfalls in dem genannten Buch ein kleiner Essay publiziert auf den Seiten 114 – 116 mit dem Titel: „Er betet Gott an und liebt die Männer“.

Das Buch „Religion in Frankreich“ von Christian Modehn ist antiquarisch noch erreichbar.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon@ Berlin.de

 

Kann Lektüre heilen? Durch Bücher gesund werden?

Notizen zur Bibliotherapie und anderen Formen geistiger Therapien…

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Kürzlich diskutierten wir über das Buch von Fabio Stassi „Die Seele aller Zufälle“, erschienen in der Edition Converso; ein Buch, das sich mit Sinn und Unsinn der „Bibliotherapie“ unterhaltsam auseinandersetzt. LINK.
„Die Seele aller Zufälle“ steht übrigens auf der Hotlist 2024 der „Bücher aus unabhängigen Verlagen“.

2.
Diese Form der Buch – Lesen – Therapie gibt es wirklich, dies sei allen therapeutisch noch etwas Unkundigen gesagt. In Kanada, etwa in der Provinz Québec, ist die Bibliotherapie weit verbreitet und offenbar wirksam, auch therapeutisch akzeptiert, die Pariser Tageszeitung „La Croix“ berichtete am 12.3.2024 darüber. LINK.

3.
Grundsätzlich kann man zu der Überzeugung neigen: Eigentlich ist jede Lektüre von Romanen, Erzählungen, Poesie etc. immer auch Ausdruck einer Suche nach Therapie, elementar als Hilfe vermutet gegen Langeweile und Einsamkeit, dann aber auch explizit als Suche nach Orientierung und als Impuls zum Weiter – Denken und in die Weite denken. Diese allgemeine Erwartung „Lesen hilft mir auch therapeutisch“ ist meist umthematisch, unreflektiert.

4.
Was ist die Grundsituation einer Bibliotherapie? Der Therapeut ist ein guter Kenner vieler „großer (aber auch eher unbekannter) Werke“ der Literatur,. Er empfiehlt nach einem eingehenden Gespräch mit einem Patienten (Klienten?) ein bestimmtes, ihm bekanntes Buch zur privaten Lektüre. Die Leitlinie der Therapie heißt wohl: „Wenn Sie dieses Buch, diesen Roman, diese Novelle, dieses Drama, dieses Gedicht usw. lesen, gründlich und in Ruhe meditieren, kann sich ihre spezielle seelische Problematik, vielleicht ihr seelisches Leiden (Melancholie, Hemmung im Umgang mit anderen, Genusssucht usw.) nicht nur klären, sondern auch abmildern, vielleicht heilen … eben durch reflektiertes Nachdenken über den Text des Buches, über das Schicksal der Protagonisten, deren Hoffnung und Lebenssinn… Vielleicht wird dann der heilende Gedanke sozusagen irgendwann „geschenkt“, und vielleicht sieht man sieht klarer und hoffnungsvoller in die Welt und auf das eigene Leben.

5.
Jede Therapie lebt wohl von der Ungewissheit, ob Heilung des Patienten möglich ist. Aber es gibt wohl Unterschiede: In den Psychotherapien etwa begegnet der Patient immer wieder einem leibhaftigen Menschen, einem „Spezialisten“ für seelische Leiden, zu dem der Patient und mit dem er – manchmal sehr oft – sprechen kann.
In der Bibliotherapie ist der einzelne mit einem Text konfrontiert, der eben nur ein „Gesprächspartner“ im übertragenen Sinne sein kann. Der Patient wie jeder Leser bestimmt die Deutung, die Interpretation, in der Auseinandersetzung mit dem Text selbst. Es ist eines der Grundgesetze der Hermeneutik, der Verstehenslehre von Texten, dass immer der Lesende seine subjektiven Verstehensbedingungen, seinen geistigen Horizont, nicht nur „mitbringt“. Sondern oft wird der Text einseitig, allzu subjektiv, förmlich überwältigt und fehl interpretiert. Allzu subjektive Deutungen können und sollten im Laufe der Lektüre korrigiert werden, erst dann kann von einem Verstehen die Rede sein. Bibliotherapie ist aufgrund dieser Stellung: „der einzelne Leser und sein Buch“, also auch ein anspruchsvolles, aber oft auch ein scheiterndes Unternehmen.

6.
Die Bibliotherapie aber erinnert an die Vielfalt reflektierender, geistiger Therapien: Über „Philosophie als Therapie“ haben Damian Peikert und Sam Adhar Ball ein Buch im angesehenen philosophischen Karl Alber Verlag (Freiburg) publiziert und dabei mit gutem Grund an die Überzeugung antiker Philosophen erinnert: Philosophie sei ursprünglich als Hilfe zum Leben und im Leben zu verstehen, ein Thema, das der Pariser Philosoph Pierre Hadot in den Mittelpunkt seiner Studien stellte. LINK. Über die Beziehung zwischen der therapeutischen Praxis etwa in der Stoa oder bei Epikur und der modernen Logo – Therapie (Viktor E. Frankl 1905-1997) wäre ebenfalls weiter nachzudenken.

7.
Von den verschiedenen Formen der Musiktherapie wäre zu sprechen. Musiktherapie im weiten Sinne, also Musik (und Singen ) ALS Therapie, bezieht sich nicht nur auf die seelische „Stärkung“ der einzelnen. Musik ALS Therapie, verstanden als Einheit von Sängern/Musikern und teilnehmenden Zuhörern, die in den Stadien auch Mitsingende waren, hat immer einen politischen Charakter: Eintreten für die Demokratie, „gegen die Konsumgesellschaft, gegen die apolitische Zerstreuung, den American Way of life…Die Musik schuf politische Identifikationen“, so Antonis Liakos in „Lettre International Nr 145, S. 21, Sommer 2024). Diese (!) Musik stärkt die einzelnen, gibt neuen Lebenssinn: Der Autor erinnert u.a. an Mikis Theodorakis, Ioannis Makropoulos, Christos Leonies und andere…“ Antonis Liakos schreibt: „Diese Konzerte, zu denen Menschenmassen strömten, waren selbst politische Ereignisse, Quellen eines aufrührerischen Geistes und eines grenzenloses Optimismus“ (ebd.).
Zu sprechen wäre auch von der Kunst-Therapie, d.h. auch der Mal – Therapie oder der Arbeit mit Collagen, die direkt in guten Kliniken (etwa speziell bei Krebskranken) schon eingesetzt wird.

8.
Noch einmal zur Bibliotherapie:
Johann Wolfgang von Goethe hat sehr persönlich gesprochen, als er von seinen melancholischen und depressiven Phasen in jungen Jahren berichtete: Aus der tiefen Krise (Suizid-Gedanken) konnte er sich nur befreien, wie er gesteht, als er weiter seine Texte verfasste: Literarisches Schreiben als Therapie also, dies ist sicher eine Praxis, die nicht nur hochbegabten Autoren wie Goethe vorbehalten ist. Anja Höfer schreibt in ihrem Essay über Goethes Kunstanschauung (in „Philosophie der Freude“, Leipzig 2003, S. 131).“ Goethe schildert, wie seine poetische Produktion einen inneren Heilungsprozess einleitet, in dem der Dichter sein eigenes Leiden in ästhetischer Form objektiviert und das Leiden so zugleich überwindet. Das Ergebnis dieses Prozesses bezeichnet Goethe nicht zufällig mit dem Wort Heiterkeit“. Und auf Seite 132 heißt es: „Für Goethe wird die dichterische Produktion zum probaten Mittel, um sich selbst immer wieder die rettende Heiterkeit abzunötigen… er spricht vom poetischen Talent mit seinen Heilkräften.“

9.
Inmitten des alltäglichen Lebens können und sollten also Formen geistiger Therapie entdeckt werden, wobei zur Überraschung wohl erkannt wird: Hilfen zur Gesundung durch bestimmte Formen geistiger/geistvoller Praxis stehen uns eigentlich immer in der genannten Vielfalt zur Verfügung. Leider kann man den Gottesdiensten der christlichen Kirchen diesen heilsamen Charakter eher selten zusprechen, sie sind meist Routine und das Dahersagen von frommen Stereotypen und alten, veralteten dogmatischen Sprüchen…

10.
Und selbst der größte Skeptiker wird erkennen: Er kann sich zu seiner eigenen skeptischen Lebenshaltung noch einmal selbst skeptisch verhalten, in der Kraft des reflektierenden Geistes eben: Inmitten dieser Skepsis-skeptischen Haltung wird der Skepsis sozusagen ihre Allmacht genommen. Es bleibt der Geist, dies ist auch die Vernunft, die Fixierungen und Ideologien durchschaut und überwindet… und – etwas metaphysisch gesagt – in die Weite des Geistes führt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Philosophische Aufklärung erfolgreich: Auf dem Lande … für die Bauern!

Beobachtungen in Reckahn bei Brandenburg/Havel

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.7.2024

1.
Kaum zu glauben: Es gab wirklich einen wohlhabenden Gutsbesitzer im Lande Brandenburg im 18. Jahrhundert, der nicht nur umfassend gebildet und dabei alles andere als reaktionär war. Mit der Philosophie der Aufklärung war er kenntnisreich eng verbunden, er kannte u.a. die Werke des Philosophen Immanuel Kant: Und er war kein bloßer Theoretiker oder gar Schätzer: Er dachte nicht zuerst an die Vermehrung seiner Güter, sondern förderte mit Geist und Tat die Bildung der armen Landbewohner in seiner Umgebung: Sein Name: Friedrich Eberhard von Rochow (1734 – 1805), seine Frau Christiane Louise (1734 – 1808) unterstützte die Reform-Projekte. Eigentlich ein weithin unbekannter Vertreter der Aufklärung. Diese Unkenntnis muss überwunden werden.
Es ging dem Ehepaar von Rochow um die Realisierung grundlegend neuer Konzeptionen der Volksaufklärung.
Für seine Projekte setzte von Rochow sein Vermögen ein! Reaktionäre Kreise aus seinem Stand kritisierten sein Engagement, sie behaupteten, Volksbildung führe die Menschen zur Aufruhr gegen die Obrigkeiten. Der Aufklärer und Pädagoge ließ sich von diesen Leuten nicht beeindrucken. Er hatte einen großen Freundeskreis um sich gesammelt, zumal von Rochow auch als (protestantischer) Domherr zu Halberstadt mit vielen „Philanthropen“, gebildeten Literaten, Künstlern, Philosophen zusammenkam.

2. Hinweis auf einige Grundsätze von Rochows:
„Wer hat mich berufen, mich zum Lehrer des Landvolkes aufzuwerfen? Meine kurze Antwort: Ich lebe unter Landleuten. Mich jammerte des Volkes. (S. 179, die Seitenzahlen beziehen sich auf das unten genannte Buch „Vernunft fürs Volk“)
„Die Menschheit liegt an heilbaren Übeln krank“(ebd. )…
„Da alle Menschenseelen aus EINEM Stoffe sind, so haben auch alle Stände gleichen Anteil an verhältnismäßiger Vervollkommnung“ (S. 140).

3.
Man kann die Leistungen von Rochows studieren, vor allem auch die Werte seines Wirkens besuchen und besichtigen: Vor allem die Volksschule im Ort Reckahn, daneben steht die barocke Kirche, in der damals progressive, aufgeklärte Prediger wirkten.
Die Volksschule wurde von dem Lehrer Heinrich Julius Bruns geleitet. Das Prinzip: In der Erziehung und Bildung sind sehr viel wichtiger als die üblichen Tadel und Strafen eben Lob, Freundlichkeit und Respekt.
Bildung fördert das Selberdenken, fördert die Weltkenntnis, das bessere praktische Leben im Alltag der Dörfer. Und: Jungen und Mädchen wurden in der Volksschule zu Reckahn gemeinsam unterrichtet. Das „Journal für Prediger“, wichtige Zeitschrift für Pfarrer im Sinne der Aufklärung, lobte diese Schule als „erste aller Volksschulen in Deutschland“ (S. 180).

4.
Die Kinder sollen zu reifen, selbstdenkenden, tugendhaften Menschen gebildet werden. Aber für von Rochow ist entscheidend: „ Der Mensch lebt nicht etwa deswegen tugendhaft, um Gottes Ehre zu befördern. Dieses Gottes Ehre befördern ist ein Nonsens. Moral hat nie den Zweck, Gottes Ehre zu befördern“ (S. 47). Der Mensch wird tugendhaft durch seine eigene Vernunft, ein Gedanke, der auch für Immanuel Kant wichtig wurde. „Rochow hat sich zweifelsohne mit Kant eingehend beschäftigt“, schreibt Gerhard Springer in dem genannten Buch „Vernunft fürs Volk“, Seite 51.

5.
Friedrich Eberhard von Rochow ist auch als Autor sehr weit verbreiteter Lesebücher mit hoher Auflage für Kinder und die Landbewohner bekannt geworden. Vor allem das „Lesebuch“ mit dem Titel „Der Kinderfreund“ erschien in vielen Auflagen und es wurde international verbreitet, dabei kann sein Engagement für die „Märkische Ökonomische Gesellschaft zu Potsdam“ hier nur erwähnt werden, deutlich ist, wie umfassend der aufgeklärte Denker von Rochow praktisch tätig war

6.
Ein VORSCHLAG:
Die vorbildliche Schule in Reckahn als Museum zu besichtigen und das Schloss (sowie der Park!) mit dem angrenzenden Gästehaus (!) sollte Ziel eines „philosophischen Ausflugs“ sein, zumal die interessante Stadt Brandenburg an der Havel nur wenige Kilometer entfernt ist. Und auch Kloster Lehnin (einst Zisterzienser -Kloster) ist in der Nähe.

Zu den Öffnungszeiten der Gebäude in Reckahn (leider ist die Barockkirche, wie so oft im Landes Brandenburg, meistens verschlossen) informiere man sich über das Internet, auch wegen der aktuellen Veranstaltungen! Im Schloss (- Museum) ist Samstags und Sonntags ein kleines Café geöffnet. www.reckahner-museen.de
www.gaestehaus-reckahn.de

Und genauso wichtig: Im Schloss können etliche Bücher und Studien über den Aufklärer Friedrich Eberhard von Rochow und seine Schule erworben werden. Wir empfehlen den Sammelband „Vernunft fürs Volk“, hg. von Hanno Schmitt und Frank Tosch, Henschel-Verlag 2001, 256 Seiten, viele Abbildungen, im Schloß für 7,50 € zu haben!
Die Adresse: Rochow – Museum und Gästehaus, Reckahner Dorfstr. 27, 14797 Kloster Lehnin, Ortsteil Reckahn. Tel. 033835/ 60672.
Das Schulmuseum: Tel. 033835/ 608870

Nach wie vor anregend für Ausflüge und kleine „Studienfahrten“ in die Mark Brandenburg ist das glänzend geschriebene Buch von Joachim Berger, „Mark Brandenburg. Freiheitlich und rebellisch. Ein Lese-Wander-Buch“ zu den Regionen Süd und West von Brandenburg. Das Buch ist zwar schon 1992 im Goebel – Verlag erschienen, aber wegen der vielen historischen Hinweise alles andere als „veraltet“. Das empfehlenswerte Buch ist antiquarisch noch zu erwerben. Zu Reckahn hat Joachim Berger selbstverständlich auch einen kleinen Essay geschrieben, S. 241-243 und wie in allen Kapiteln auch Fotos und Bilder publiziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Mit welchen Religionen kann ein Philosoph noch einen vernünftigen Dialog führen? Fragen an Jürgen Habermas.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.7.2024

1.
Im Jahr 2013 äußerte sich Jürgen Habermas erneut (zum letzten Mal in der Öffentlichkeit??) zum Thema „Politik und Religion“ (in dem Sammelband „Politik und Religion“, Hg. von F.W. Graf und H. Meier, C.H.Beck Verlag, 2013, dort S 287 ff.) Das Thema ist seit 2001 für Habermas wichtig.

2.
Wie zuvor tritt Habermas für die Bereitschaft der säkularen Philosophie ein, im Dialog mit den Religionen von den Religionen zu lernen. Dies aber nicht als „philosophisches Hobby“ einiger Spezialisten, sondern weil der Dialog den Transzendenz-Verlust der nachmetaphysischen Welt eventuell einschränken kann…

3.
Auf S. 299 – 300 erläutert Habermas noch einmal die Dringlichkeit des Themas:
Ausgangspunkt sind für ihn die „Mängel des „nachmetaphysischen Denkens“; aber diese „Mängel“ können sich „ausgleichen lassen“ durch die von Habermas oft schon geforderte „Versprachlichung des Sakralen“, es geht also um das Übersetzen religiöser Weisheiten in eine allgemein zugängliche vernünftige Sprache.

4.
Dieses Projekt ist dringend: Habermas spricht von dem „sich zum Universum abschließenden und versiegelnden Kapitalismus, der die Politik entwaffnet und die Kultur einebnet“.

Und angesichts dieser düsteren Situation der Lebensverhältnisse im Kapitalismus ist Habermas von „der Frage beunruhigt”, ob die philosophische Vernunft heute noch die Kraft findet, den eigenen „Defätismus“ (so Habermas wörtlich) zu überwinden.
Die Frage also ist: Hat der „in der Philosophie selbst brütende Defätismus der Vernunft“ die „Kraft zu einer Transzendenz“, so wörtlich, (also einer Transzendenz des Geistes, der Vernunft) „von innen vollends aufgezehrt“? Ist die „Spannkraft eines über den jeweiligen Status Quo hinauseilenden normativen Bewusstseins zermürbt“?

5.
Als Habermas diese Frage 2013 erörterte, gab es schon heftig den gewalttätigen, militanten religiösen Fundamentalismus in allen Religionen. Heute (2024) hat sich dieser religiöse Fundamentalismus weiter ausgebreitet und verschärft. Und manche Beobachter meinen zurecht, es gibt eigentlich kaum noch christliche dogmen-kritische, demokratisch organisierte, nicht – fundamentalistische sich christlich nennende Kirchen. (Bei den Orthodoxen ist die Situation noch düsterer, sie Patriarch Kyrill in Moskau).
Der römische Katholizismus kann sich diesem kleinen Kreis vernünftigen christlichen Glaubens leider nicht zugehörig fühlen, trotz aller ein bißchen progressiv wirkenden Aussagen von Papst Franziskus ! Der römische Katholizismus ist so stur, dass er sich bis heute gern stolz „nicht – demokratisch“ definiert. Wenn die „heilige Kirche“ schon nicht demokratisch ist, warum sollen es dann Staat und Gesellschaft sein, fragen sich viele katholische Lateinamerikaner z.B. und lieben dann halt die autoritären Regime seit altersher.
Und auch das weite Feld dessen, was sich protestantisch nennt, ist schon von Fundamentalisten beherrscht, man denke an die USA und die Herrn Trump förmlich anbetenden Massen der Evangelikalen.

6.
Also: Mit welchen Religionen hat die postsäkulare Philosoph überhaupt noch ernsthaft lernbereite Dialoge führen? Der Kreis der wirklich zu einem vernunftbestimmten Dialog innerhalb der Religionen ist heute (2024) minimal.

7.
Es wird natürlich immer Dialoge der höchsten Religionsvertreter geben, da werden gern fromme Sprüche ausgetauscht, aber unklar bleibt, welcher Maßstab denn ein mögliches gemeinsames inter -religiöses Friedensengagement bestimmt. Dies kann dich nicht ein bestimmter religiöser, kein konfessioneller Maßstab sein!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Jürgen Habermas – Eine Einführung in seine Philosophie!

…und ein Hinweis auf sein Leben

Von Christian Modehn am 4. Juli 2024

Siehe auch die Ergänzung vom 7.7.2024: LINK

1.
Der Berliner “Professor für Kulturgeschichte“ (Humboldt – Universität) Philipp Felsch bekennt, dass er sich (bisher) eigentlich nicht intensiv mit der Philosophie von Jürgen Habermas beschäftigt habe. Felsch hatte aber die Chance, im Frühjahr 2022 und im September 2023 Jürgen Habermas in seinem Bungalow in Starnberg bei einigen Gläsern Tee besuchen zu können und Interviews mit ihm zu führen. Vielleicht waren dabei die Erinnerungen an frühere Verbindungen der beiden Familien in Gummersbach hilfreich. Er hat sich seit einigen Jahren in das Werk von Habermas eingearbeitet. „Der Philosoph. Habermas und wir“ ist der Titel seines Buches, erschienen im Propyläen – Verlag Berlin. 2004 wurde Jürgen Habermas 95 Jahre alt. Seinen „Vorlass“, den „Nachlass“ zu Lebzeiten, hat Habermas „seiner“ Universität Frankfurt am Main überlassen. Auch der „Vorlass“ war Philipp Felsch für seine Studien zugänglich!

2.
Das leicht zugängliche Buch ist das Resultat persönlicher Begegnungen und Habermas – Studien. Wobei über das „wir“ im Untertitel ein eigenes Kapitel geschrieben werden müsste: Sind „WIR Deutsche“ (seit 1989) gemeint oder nur „wir Bundesbürger“ (bis 1989) oder gar „wir“ Weltbürger“. Einige eher sehr persönliche Fragen zu Habermas werden angesprochen, etwa, warum er bevorzugt die schriftliche Form wählt anstelle von Radio – oder Fernseh-Interviews. Habermas selbst hat sich höchst selten über seine Einschränkungen beim Sprechen geäußert. (S. 79, zu einem Vortrag 2004)

3.
Es ist ja nicht nur – im engeren Sinne – der Philosoph Habermas mit seinem umfassenden Werk, der für die Geschichte der Bundesrepublik und Europas von Bedeutung ist. Es ist auch der Habermas als sehr streitbarer Autor in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften (FAZ, DIE ZEIT, MERKUR) , zu vielen grundlegenden politischen Themen, der „unser“ Interesse immer wieder weckt(e). Dabei wird in dem Buch deutlich, wie sehr doch Habermas immer lernbereit war und auch Selbstkritik öffentlich äußerte.

4.
Die in Starnberg abschließen geführten Gespräche zur aktuellen Gegenwart, Stichwort Krieg Russland gegen die Ukraine, hinterlassen bei Philipp Felsch den starken Eindruck eines pessimistischen, wenn nicht, so wörtlich „fatalistischen“ Habermas. Der stets politisch analytisch denkende und normativ, an den Menschenrechten orientierte Denker rechnet wohl jetzt damit, dass die Koalition der Ukraine – Unterstützer in Europa und den USA „zerfällt“, was „zur Folge haben würde, dass der Westen die letzten Reste von politischer Glaubwürdigkeit und Autorität“ verliert (S. 187). Philipp Felsch schreibt: „ Und dann sagt Habermas einen Satz, der unseren Gesprächsfluss für einen Moment lang stocken lässt: All das, was sein Leben ausgemacht habe, gehe gegenwärtig `Schritt für Schritt` verloren“ (S. 187). Das bei Habermas stets lebendige, aber begründete Vertrauen darauf, dass Kommunikation tatsächlich eine friedliche Welt aufbauen kann, geht nun verloren, darf man wohl ergänzen.

5.
Aber es ist schon ein Wagnis, das sehr umfangreiche Werke, die vielfältigen und vielen öffentlichen Stellungnahmen von Jürgen Habermas auf 180 Seiten darzustellen Das Buch „Der Philosoph. Habermas und wir“ bietet also nicht mehr als einführende Erst – Interpretationen. Dabei werden die vielfältigen Kontakte, Freundschaften (etwa mit Alexander Kluge) aber auch Gegnerschaften (etwa mit Hans Magnus Enzensberger) genannt. Auf weiteren 30 Seiten werden dann Fußnoten und Anmerkungen publiziert, die Literaturliste umfasst fast 30 Seiten. 81 größere und kleinere Arbeiten von Habermas sind da genannt. Dass einige tatsächlich sehr wichtige Werke von Habermas nicht oder nur ultrakurz erwähnt werden, ist sicher der größte Mangel dieses Buches, es sind die Texte über die Bedeutung des Religion. Dazu mehr unter Nr. 8 – 11.

6.
Eine Rezension kann und soll naturgemäß nicht den Inhalt des Buches wiedergeben: Felsch folgt chronologisch dem Lebensweg von Habermas und zeigt, wie sehr der Philosoph immer zeitbezogen dachte und veröffentlichte, ohne dabei die universalen Prinzipien,etwa der Philosophie Kants, zu verraten. Mit den Begründern der Frankfurter Schule war er kritisch verbunden, ohne deswegen den Ehrgeiz zu haben, zu einem Nachfolger von Adorno und Horkheimer zu werden.
Während der verschiedenen Stationen der akademischen Arbeit zeigte sich Habermas immer lernbereit, ohne seine Sympathien für eine linke Position sozialdemokratischen Denkens aufzugeben. Aber Lernbereitschaft schließt bei Habermas nicht die kämpferische Abgrenzung aus. Für viele überraschend vielleicht, spricht Philipp Felsch explizit von philosophisch – bedingten „Feindschaften“ etwa gegen Michael Foucault und Georges Bataille (S. 113), auch ist, wörtlich, von Habermas`„Widersacher“ Peter Sloterdijk die Rede. Überraschend auch, dass Habermas viele seiner Zeitungsbeiträge aus „Zorn“ geschriebene habe ( S. 120), aus Zorn auch auf die sehr konservative geistig – politische Verfasstheit der Bundesrepublik mindestens in den ersten Jahren. Man vergesse nicht, dass Habermas seine Karriere, möchte man sagen, als philosophischer Journalist begann: Mit einem Heidegger – kritischen Beitrag in der FAZ am 12.7.1952

7.
Das Buch von Philipp Felsch ist keineswegs eine Lobeshymne auf den „großen staatstragenden Philosophen“, wie viele Habermas nannten. In dem Buch wird durchgängig das Profil eines „linken Sozialdemokraten“ (S. 173) deutlich.

8.
Ein wirklicher und in unserer Sicht gravierender Mangel des Buches ist das völlige Fehlen der Auseinandersetzungen von Habermas mit „der Religion“, vor allem mit dem Christentum. Philipp Felsch erwähnt zwar beiläufig, im Nebensatz, dass sich Habermas als getaufter Protestant irgendwie auch protestantisch fühle (S.105). Ein bißchen ausführlicher wird die starke Zuneigung von Habermas zu einzelnen jüdischen Intellektuellen und Philosophen deutlich. Das Buch schließt mit dem Habermas Bekenntnis: „ „Als `Glücksfall` seines Lebens betrachtet er es, in den USA, in Israel und auch in Deutschland so vielen bedeutenden jüdischen Gelehrten begegnet zu sein“(S. 188).
Als über die „Einzigartigkeit des Holocaust“ in den 1980er Jahren heftig gestritten wurde, formulierte der mit Habermas befreundete deutsch-jüdische Philosoph Ernst Tugendhat 1986 einige bis heute denkwürdige Erkenntnisse zur „Singularität des Holocaust“: Auschwitz sei ein einzigartiges historische Trauma für Deutsche wie für Juden, sagte Tugendhat, „aber die Lehren, die wir daraus ziehen sollten, Deutsche wie Juden, sollten universalistisch sein. Man muss die aus diesem Schicksal entstandene Sensibilisierung in eine universalistische Sensibilität wenden, sonst bleibt man im Teufelskreis des Partikularismus hängen. … das kann dann nur dazu führen, dass das Geschehene eingezäunt wird und durchaus vergleichbare Ereignisse verharmlost werden, in Israel wie hier“ (S. 130).

9.
Über die Gespräche Habermas` mit katholischen Theologen (Kardinal Joseph Ratzinger, 2004) und katholischen Philosophen (mit Jesuiten in München, 2007 ) ist leider in dem Buch keine Rede. Das ist für mich nicht zu akzeptieren. Nicht einmal die Veröffentlichungen von Jürgen Habermas zu dem Thema werden genannt, abgesehen von einem Interview mit Michael Funken unter dem Titel „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“, aus dem Jahr 2008, notiert auf Seite 240. Die erste der zwei äußerst umfangreichen Studien „Auch eine Geschichte der Philosophie. Über Glauben und Wissen“ (erschienen 2019) wird nur in Felschs Literaturliste erwähnt. Aber auch die Friedenspreisrede von 2001 wird in der Literaturliste nicht genannt, geschweige denn interpretiert.
Dabei hat sich das Bekenntnis von Habermas, er sei „religiös unmusikalisch“ inzwischen weithin als bekannt durchgesetzt. Aber WIE im einzelnen „religiös unmusikalisch“ er denn wirklich ist, muss genau geprüft werden.
Hier nur einige Hinweise:

10.
Erst seit 1988 , und zwar mit den Aufsätzen „Nachmetaphysisches Denken“ sieht Habermas in „der Religion“ inspirierende Inhalte, die „in begründende Diskurse“ übersetzt werden sollten. Das Stichwort ÜBERSETZUNG religiöser Inhalte in eine allgemein zugängliche philosophische Sprache tritt hier also zum ersten Mal auf, soweit ich sehe. ÜBERSETZUNGEN vom Religiösen ins Philosophische sind seit dem eine Art Leitidee, wenn Habermas vom Verhältnis von Religion (er meint die christliche) spricht. In seiner „Friedenspreisrede“ von 2001 betont Habermas: Moderne säkulare Gesellschaften bleiben auch als säkulare Gesellschaft auf die Religion bezogen: Denn diese haben ein eigenes, ernst zunehmendes Vernunft-Potential. So sollten etwa die biblischen Metaphern von der „Geschöpflichkeit des Menschen“ oder auch der „Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen“ ins Allgemeine Denken, ins Philosophische, übersetzt werden. Noch weiter geht Habermas, als er 2004 Kardinal Joseph Ratzinger in der Katholischen Akademie in München zur Diskussion trifft: Dort spricht Habermas vom wechselseitigen Lernen: Auch säkulare Menschen, etwa Philosophen, sollten sich lernbereit zeigen gegenüber Aussagen religiöser Menschen. Vorausgesetzt allerdings, dass die religiösen Menschen ihre Überzeugungen in allgemeiner, d.h. nicht -esoterischer Sprache aussagen können!
In dem Buch „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ (2008, bezogen auf das Treffen mit Jesuiten in München 2007) wird eine weitere Entwicklung im religionsphilosophischen Denken von Habermas sichtbar: Nun steht für ihn im Mittelpunkt: Die moderne Vernunft UND die Religionen haben einen gemeinsamen Ursprung (!), und zwar in den Denkbewegungen der sogenannten „Achsenzeit“. Philosophie und Religion werden so zu „komplementären Gestalten des Geistes“ (S. 29 in dem genannten Buch, 2008). Jedenfalls ist für Habermas 2007 klar: „ Religiös begründete Stellungnahmen haben einen legitimen Platz in der politischen Öffentlichkeit, dann „wird vonseiten der politischen Gemeinschaft offiziell anerkannt, dass religiöse Äußerungen zur Klärung kontroverser Grundsatzfragen einen sinnvollen Beitrag leisten können“ (S. 34 dort).
Im ganzen darf man wohl sagen, dass Habermas seit 2001 ein religionsphilosophisches Denken entwickelte, bis hin zur großen Studie „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (2019), das in dem einen Satz zusammengefasst werden könnte: „Die säkulare Philosophie entwickelt ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, nämlich das Bewusstsein, dass eine vernünftige Religion in dieser säkularen Welt fehlt.

11.
Über die Wende des älter gewordenen Habermas (seit 2001) zur Religion ist viel geschrieben worden, etwa von den Philosophen Herbert Schnädelbach oder Paolo Flores d Arcais (Rom, in DIE ZEIT vom 22. Nov. 2007). Damit man bloß nicht aus Habermas einen religiösen, oder gar katholischen Philosophen macht, hat er selbst gesagt: „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“ (so 2008 in dem genannten Sammelband, den Michael Funken herausgegeben hat). Tatsächlich äußert sich Habermas in diesem Interview trotz dieses nun wirklich „spannenden“ Titels nur äußerst knapp zur eigenen Religiosität. Diese ist wohl in einer gewissen Verbundenheit mit Kants Religionsbegriff zu suchen: „Bei allem empirisch begründeten Pessimismus über die Aussichten eines kosmopolitischen Rechtszustandes sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich das Engagement für eine neue Weltordnung , zu dem wir uns moralisch verpflichtet fühlen sollen, doch noch lohnen könnte. Aber niemand kann uns dessen vergewissern“ (S. 185, Funken, „Über Habermas. Gespräche mit Zeitgenossen“, 2008, S. 185).
Noch einmal:
Auf „weltbürgerliche Verhältnisse“ einer vernünftigen humanen Weltordnung hofft Habermas jetzt nicht mehr, er sei fatalistisch, interpretiert Philipp Felsch diese Hoffnungslosigkeit von Habermas (Seite 187 in Felsch „Der Philosoph“.)

12.
„Habermas und die Religion“ ist alles andere als ein marginales Sonderthema einer speziellen Habermas – Forschung. Es geht bei dem Thema um eine Art exemplarische Debatte über die Bedeutung „der“ Religion in der heutigen Zeit in unterschiedlichen Regionen der Welt.. .Dabei müssen bei weiteren Diskussionen auch speziell „der“ Islam und alle weiteren Religionen hinsichtlich fundamentalistischer Tendenzen untersucht werden. Dass alle christlichen Kirchen jetzt von fundamentalistischen Gruppen immer stärker durchsetzt und beherrscht werden, sollte weiter bedacht werden, so dass die Aussage „Es gibt ein vernünftiges Christentum, einen vernünftigen christlichen Glauben (etwa im Sinne Kants) selbst schon marginal zu werden droht. Es könnte schon bald soweit gekommen, dass – etwa in den USA – fundamentalistischer christlicher Glaube mit dem Christentum insgesamt identifiziert wird und ein Staatspräsident Donald Trump wie ein religiöser Führer verehrt wird – von Christen, die den Verstand verloren haben…Mit diesen religiösen Leuten wird wohl kaum ein Dialog, ein wechselseitiger Lernprozess, möglich sein, in dem Sinne: „Nun übersetzt doch einmal eure charismatische – evangelikalen oder römisch katholischen oder russisch -orthodoxen Überzeugungen in eine säkulare Sprache, die alle Menschen verstehen…“

13.
Ob sich Jürgen Habermas zu diesem Thema noch einmal äußert? Wir würden es so dringend wünschen und uns so darüber freuen!

14.
Und Philipp Felsch möchte man fragen, warum er das Thema „Habermas und das Christentum“ in seinem Buch ausgelassen hat, doch sicher nicht auf Wunsch von Habermas selbst? Unvorstellbar! (Wie) Wird Philipp Felsch auf diese unsere Kritik antworten?

15.

Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin jedenfalls seit eingen Jahren mehrere Salon -Gesprächs – Veranstaltungen zum Denken von Jürgen Habermas veranstaltet, mit dem Ziel: Dessen Denken weiten Kreisen bekannt zu machen. Auch auf NDR Kultur haben wir in einer Sendung der Reihe “Glaubenssachen” versucht, das Denken von Jürgen Habermas weiten Kreisen zugänglich zu machen. Als eines von etlichen Beispielen unserer Arbeiten während dieser Jahre: LINK:

Philipp Felsch, “Der Philosoph. Habermas und wir”. Propyläen Verlag Berlin 2024, 256 Seiten, 24€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Marine Le Pen und ihr katholischer Glaube

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.7.2024

1.
Wenn mehr als 40 Prozent der praktizierenden Katholiken die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen („Rassemblement National“, RN) zur Europawahl am 9. Juni 2024 gewählt haben, muss man fragen:
Ist denn Madame Le Pen eine so überzeugende Katholikin, dass praktizierende Katholiken sie so gern wählen?

2.
Über ihren Glauben, auch über ihre Bindung an den Katholizismus, hat Marine Le Pen mehrfach kurz gesprochen.

Dabei war die Partei „Front National“ (FN) unter ihrem Vater Jean-Marie Le Pen deutlich geprägt von einem sich katholisch nennenden, traditionalistischen Flügel, zu dem etwa der extrem militante Bernard Antony gehörte. Aber im Jahr 2008 wurde Bernard Antony, Führer des katholisch – reaktionären Flügels, aus dem FN ausgeschlossen. Das wird als Vorspiel gedeutet für den Aufstieg von Marine Le Pen: 2011 wurde sie Vorsitzende der Partei. Sie sorgte dafür, dass ihr offen rechtsextremer Vater 2015 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Im Juni 2018 erhielt die Partei unter ihrer Führung den Namen „Rassemblement National“ (RN). Das Nationale und Nationalistische blieb erhalten, aber „Versammlung, Rassemblement, klingt etwas freundlicher als „Front.“ Mit der Ausgrenzung des katholisch – traditionalistischen Einflusses von einst wollte sie zeigen: Die „neue“ Partei will vor allem auch die sehr vielen kirchenfernen Wähler gewinnen. Madame Le Pen nennt diesen nach außen hin etwas freundlicheren Namen der Partei „dédiablisation“, Entdiabolisietung, will sagen: dass die Partei nach außen vor allem nicht mehr antisemitisch ist. Das jüdische Ehepaar Klarsfeld, die „Nazijäger“ von einst, glaubt das so einfach und betont jetzt, Marine Le Pen zu wählen. Darf man das eine Schande nennen oder nur „Alters-Schwäche“… Feinde sind für Marine Le Pen nicht mehr, wie es zur französischen Tradition auch ihres Vaters gehört, „die Juden“, sondern die „Islamisten“ und eigentlich alle Fremden…

3.
Zum Jahr 2017: (Quelle: LINK )

Anläßlich der Präsidentschaftswahlen 2017 sagte Marine Le Pen in Reims bei einem Besuch der berühmten Kathedrale, sie wird als „Geburtsort“ des katholischen Frankreich hoch gepriesen: „Frankreich muss sich an die Versprechen seiner Taufe erinnern. Es gibt Menschen, die glauben an den Himmel, und solche, die daran nicht glauben. Aber ich glaube!“
Die Mitarbeiter Madame Le Pens ergänzten: „Ganz evident, sie ist katholisch“. Von der Erinnerung an das Taufversprechen Frankreichs sprach in ähnlichen Worten („Erinnert euch an die Taufe Frankreichs“!) übrigens Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Reims im Jahr 1996.
Madame Le Pen wurde in Reims von vielen nicht willkommen geheißen, und ausgepfiffen: (Quelle: “Le Monde”. LINK )
Trotzdem sagte sie dort über ihren katholischen Glauben: „Ich habe meine Kinder in der Kirche (der so genannten “Pius-Brüder” des schismatischen Erzbischofs Marcel Lefèbvre, CM) St. Niocolas du Chardonnet (Paris) taufen lassen. Ich habe also nicht traditionalistische Katholiken zu kritisieren. Aber ich wünsche nicht, dass sie wie in einer Art abgeschlossenen `Kapelle`, ihre religiösen Überzeugungen über die politischen Überzeugungen stellen“.
So gibt sich Madame Le Pen nach außen hin als treue Verteidigung der französischen laicité, also der Überordnung staatlicher, aber vernünftiger Gesetze über religiöse Weisungen.
Aus taktischen Gründen ist in dem RN offiziell keine kritische Rede mehr von Kritik an der Homosexuellen – Ehe oder zum Schwangerschaftsabbruch zu vernehmen. Die rechtsextremen Führer haben erkannt: Diese Themen spalten die Gesellschaft, man will die Mehrheit gewinnen…

4.
Im April 2017 bekannte sich Madame Le Pen in einem Interview mit „La Croix“ sogar als „extrem gläubig, aber verärgert mit der Kirche.”
Dieselben Worte sagte sie schon in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift „La Vie“ (Paris) im Jahr 2011: Und damals fügte sie hinzu: „Glücklicherweise aber berührt (stört) der Klerus nicht meinen Glauben“ (Quelle. Pierre Jova in „La Vie“, 3.10.2022. Publié et mis à jour le 05/10/2022 à 11h37). Madame Le Pen fühlt sich verletzt, so heißt es in ihren Kreisen, weil die katholischen Bischöfe einst ihren Vater, den reaktionären Chef des Front National, heftigst kritisieren. Gegenüber Marine Le Pen ist die Bischofskonferenz sehr viel moderater, sehr viel schweigsamer geworden. Vor den Wahlen am 30.6.2024 fiel den Bischöfen nichts anderes ein, als aufzufordern zur Wahl zu gehen und… zu beten. LINK.

5.
Madame Le Pen äußert Kritik auch zu Papst Franziskus, weil er sich stark für die Offenheit gegenüber Migranten einsetze. Marine Le Pens dauerndes Statement: „Der Papst sollte sich nicht politisch einmischen.“ Damit zeigt sie sich wiederum als Anhängerin der laicité, der Trennung von Kirche und Staat. Und damit kann sie Mehrheiten finden!

6.
2021 schrieb die Zeitung „Le Parisien“, Marine Le Pen verstehe sich nun eher als „Catholique du Parvis“, als „Katholiken auf dem Vorplatz der Kirche“. (Quelle: Alexandre Sulzer in der Tageszeitung „Le Parisien“, am 18.März 2021.)

7.
2022: Madame Le Pen polemisiert gegen ihren politischen Feind von sehr extrem Rechtsaußen, gegen Eric Zemmour und seine Partei Reconquete: In einen Zusammenhang nannte sie Zemmour – Wähler „katholische Traditionalisten“, „Heiden“ und „Nazis“. „Eine Ungeschicklichkeit“ nennen sogleich Mitarbeiter diese Äußerung der Parteichefin und sie selbst versucht die Wogen zu glätten. „Ich hätte eher „Integristen“ sagen sollen“, meint Madame Le Pen später. „Integristen“ sind eigentlich noch radikaler als Traditionalisten: Sie wollen die Herrschaft der Kirche über den Staat. Traditionalisten fordern hingegen den Stop jeglicher Kirchenreform und die Wiederkehr der alten lateinischen Messe des 16. Jahrhunderts.

8.

Warum also wählen so viele praktizierende Katholiken die nach wie vor rechtsextreme, nach außen sich etwas freundlich gebende Partei Marine Le Pens? Viele Gründe sind zu nennen: Etwa: Die Inhalte der Partei “Rassemblement National”  sind den Katholiken sympathisch, weil sie selbst politisch sehr konservativ, sehr national, manchmal reaktionär denken … und immer nur eine Minderheit der französischen Katholiken politisch links war. Weil sie die Demokratie als schwierige Lebensform (“zu viele Diskussionen” etc.) nicht auf Dauer gestalten und auch ertragen wollen. Weil die Demokratie ohnehin in der katholischen Kirche selbst keine “heilige Institution” ist und sich diese katholische Kirche selbst so oft auch poffiziell und so gern “nicht – demokratisch” nennt. Und: Die geheime Liebe der Katholiken zu einem “Führer”, etwa zu Marschall Pétain in den Jahren der Nazi-Besetzung Frankreichs, ist bekannt. Die Ergebenheit vieler Laien für den Papst und den Klerus war immer auch eine Treue zu “Führern”…

9.

Der neue Trend unter konservativen und reaktionären Katholiken in Frankreich, der auch zur Sympathie für die Partei Marine Le Pens führt: Diese Katholiken nennen sich “tradis”, also eher sanfte Traditionalisten: Sie beteiligen sich an dem jährlichen Pilgermarsch von Paris nach Chartres, 18.000 Teilnehmer 2024; sie sind mit offiziell römisch – katholischen Vereinen und Orden verbunden, die aber de facto auch theologisch reaktionär sind, wie das “Instiutut du Bon Pasteur” in Bordeaux, dort ist Mitglied der populäre, äußerst konservative Priester Matthieu Raffray. Oder auch die viele Mitglieder zählende äußerst konservative Gemeinschaft der Priester von “Christ-Roi Souverain Pretre”.

10.

Der neue Parteichef des Rassemblement National ist Jordan Bardella (geb. 1995 in Drancy), er besuchte als Katholik in der Banlieue, in Saint Denis, die katholische Schule “Jean-Baptist de la Salle”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Post-Katholisch“: Über das langsame Verschwinden der katholischen Kirche in Frankreich.

Hinweise von Christian Modehn am 28.6.2024.

Ergänzt am 30.6.2024, 19 Uhr:

Ein Freund aus Frankreich sagte mir: “Es gibt im Augenblick zwar politisch gesehen wichtigere Themen für uns Franzosen als dein Thema hier. Aber die so starke Verbundenheit der praktizierenden Katholiken mit den Rechtsextremen, dokumentiert nach der Europawahl am 9. Juni, ist schon erschütternd.”

Ich antwortete ihm: “Weil die katholische Kirche nicht im entferntesten demokratisch strukturiert und organisiert ist, also auch von offizieller Seite keine demokratischen Werte als “göttlich”, als “absolut wertvoll” vertreten kann und so auch predigt, ist die starke Nähe der praktizierenden Katholiken zu Rechtsextremen durchaus verständlich... ”

Anläßlich der Wahlen zum Europaparlament und zu den Parlamentswahlen Ende Juni 2024 sollte sich das Interesse auch auf den Zustand der Religionen in Frankreich richten, etwa auf die katholische Kirche. Und dies nicht nur, weil bei den Europawahlen am 9.Juni 42 Prozent der „praktizierenden Katholiken“ für die rechtsextreme Partei „Rassemblement National” und die noch rechts-extremere Partei „Reconquete“ stimmten. Wichtig ist, dass sich im Jahr 2023 nur eine Minderheit von 29 Prozent der Franzosen „katholisch“ nennt, und: die meisten dieser Katholiken gehören der älteren Generation an…

1.
Die katholische Kirche in Frankreich, als die „älteste Tochter der römischen Kirche“ gepriesen, ist tatsächlich uralt. Seit dem 1. Jahrhundert gibt es in Gallien christliche Präsenz, etwa in Lyon. Und bis heute ist der Katholizismus sichtbar durch zahlreiche gotische Kathedralen, romanische Kirchen und große, zum Teil noch bewohnte Abteien oder auch durch die vielen tausend christlich geprägten, auf Heilige bezogenen Straßen – und Ortsnamen.

2.
An der populären Verehrung der gotischen Kathedrale „Notre Dame in Paris“ gibt es keinen Zweifel. Das uralte Gebäude schätzen die meisten, zumal die 12 Millionen touristischen Besucher etwa im Jahr 2017.
Aber, die permanente „Fotografier – Sucht“ der durch die Kirche Eilenden zeigt: Die Kathedrale wird als Museum, als Monument des Mittelalters und der nationalen Identität wahrgenommen. Von plötzlichen Bekehrungen zum Katholizismus durch einen Besuch in „Notre Dame“ – wie es einst dem Schriftsteller Paul Claudel geschah – wird nichts mehr berichtet. Immerhin, die Kirchenfernen, zumal die materiell stark Begüterten, spendeten für den Wiederaufbau der Kathedrale nach dem verheerenden Brand am 15. Juli 2019. Staatspräsident Macron versprach sofort in seiner übereilten Art, der Wiederaufbau werde etwa ein Jahr dauern, jetzt wird Ende 2024 die Kathedrale feierlich eröffnet.

Nebenbei: Hoffentlich wird dann NICHT im Jahr 2027  Marine Le Pen („Rassemblement National“) als neue Präsidentin um den Segen des Erzbischofs in “Notre – Dame” bitten. Vom katholischen Glauben, so sagte Madame Le Pen bisher, halte sie nicht viel, bestenfalls in der traditionalistischen Variante der Pius-Brüder. Mit denen war ihr Vater Jean-Marie Le Pen als Rassist und Antisemit sehr eng verbunden. Zu Marine Le Pens Beziehung zum katholischen Glauben: LINK

3.
Diese äußere Sichtbarkeit der katholischen Kirche darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche in Frankreich – wie in anderen westeuropäischen Ländern – am Verschwinden ist. 1950 nannten sich 90 Prozent aller Franzosen katholisch, 1998 waren es 53 Prozent; 2023 waren es nur noch 29 Prozent der Franzosen, die sich katholisch nannten. (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391)

Nebenbei: Immer waren und handelt es sich um repräsentative Umfragen zur Religion der Franzosen, denn die Republik („laique“!) verbietet sich selbst seit dem 19. Jahrhundert, nach der konfessionellen Bindung seiner Bürger zu fragen.

Auch die Zahlen zur Beteiligung der Katholiken an der Sonntagsmesse sind deutlich:
1946: 37 Prozent regelmäßige Teilnehmer an der Sonntagsmesse,
1969: 25 Prozent,
1975: 16 Prozent. (Quelle: Delumeau, „Stirbt das Christentum?“, Seite 21).
2023: 8 Prozent Katholiken, die mindestens einmal im Monat an der Sonntagsmesse teilnehmen. (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391

Die Zahl der Priester in Frankreich geht ständig zurück: Ein wichtiges Thema, denn ohne immer nur männliche Priester, so die offizielle Lehre, kann die katholische Kirche nicht bestehen.
1965: 40.000 Priester in Frankreich
1984: waren es 30.000.
(Quelle: „Les Francais sont-ils encore catholiques“, S. 41.)
2000: 25.353
2022: 11.644 (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/ministres-ordonnes-religieux/) Der Altersdurchschnitt des französischen Klerus liegt heute bei 70 Jahre. Selbst viele 75 Jährige Pfarrer sind noch „im Einsatz“. Mindestens 1000 Priester aus dem Französisch sprechenden Afrika sind in Frankreich wie „Gastarbeiter“ im Einsatz, sie sind in machen Bistümern, die einzigen, die noch nicht 60 Jahre alt sind. Diese „Gastarbeiter“ ersetzen den aussterbenden französischen Klerus und verlängern so noch einmal um ein paar Jahre die Klerus – Herrschaft.

Die Zahl der neu geweihten Priester ist seit 60 Jahren minimal geworden.
1965: waren es noch 646 Neupriester
1974: nur noch 170. (Quelle Delumeau, Stirbt das Christentum, S. 22):
2010: 96 Neupriester
2022: 114 Neupriester. (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/). Die Zahl der Sterbefälle im Klerus ist sechsmal höher als die Zahl der „Neupriester“.

Hinweise zum Ende der Klerus – Kirche werden vertieft in FUßNOTE 2:

Die Zahl der Taufen von Babys und Kindern geht ständig zurück.
2000: 400.000 Taufen
2022: 198.000 Taufen
Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/les-sacrements-en-france/)

(Bekannte französische Historiker der religiösen Mentalitäten wie Prof. Jacques Delumeau haben in ihren Studiendarauf hingewiesen: Die Bindung der sich kathaolisch nennenden Franzosen an die Lehren des Evangeliums, etwa seit dem 17. Jahrhundert, war alles andere als vorbildlich. Siehe dazu am Ende dieses Hinweises die Fußnote 1. )

4.
Diese aktuelle Situation sollte man religionsphilosophisch und religionssoziologisch „auf den Begriff bringen“:
In Frankreich ist in der Philosophie der Begriff „postmodern“ für den Zustand der Gesellschaft und der Mentalitäten des 20.Jahrhunderts entstanden. Anderswo spricht man von „post-kolonial“ oder „post-demokratisch“, um den politischen Umbruch der Gegenwart zu bestimmen. Auch wenn das „Post-Moderne“ allmählich an Akzeptanz wegen „allzu heftiger subjektiver Beliebigkeit“ verloren hat: An dem Wort „Post- “, „Nach-“ , steckt ja auch die Einladung, den geistigen Zustand einer Gesellschaft kurz und bündig zu beschreiben.

5.
Nun könnte also für Frankreich ein neuer „Post“ – Begriff gebräuchlich werden: Es ist das Wort „Post – Katholisch“.
Das heißt: Frankreich ist – schon vor einigen Jahren – in eine neue religiöse Epoche eingetreten. Sie ist bestimmt vom stetigen Abschied von katholischen Glaubenswelten und vom Abschied von der Bindung an die katholische Kirche als Institution. Frankreich lebt in Zeiten, in denen Katholisches als gelebte Orientierung weithin Vergangenheit ist: „Post – katholisch“ eben, selbst wenn die französische Kirche noch über ein großes Gerüst an Institutionen verfügt und viele Kathedralen und Abteien Zeugnisse sind für den Glauben „von einst“.

6.
Wer Verantwortung oder gar Schuld hat an diesem „post-katholischen Zustand“, ist eine wichtige Frage. Unsere These: Es ist die klerikale Herrschaftsform dieser Kirche selbst und ihre absolute Unbeweglichkeit, die auf nicht mehr nachvollziehbare Dogmen nicht verzichten kann und die Menschen aus der Kirche treibt… Es ist also die starre Herrschaft erstarrter Kleriker, die diese „post – katholische Epoche“ hervorgebracht hat. Kleriker nennen gern als „schuldig“ für diesen Zustand diffus „die Säkularisierung“, den fehlenden “Respekt vor den Werten“, die „Konsumgesellschaft”, früher sagte man auch gern „das Fernsehen“… Wenn die Kleriker dann heute vornehm „Reformen“ vorschlagen, dann sind es, wie üblich, immer nur solche, die ihre eigene Macht nicht gefährden.

7.
Es ist dabei interessant zu sehen, dass mit diesem post – katholischen Zustand Frankreichs jetzt eine „post – demokratische Zeitenwende“ gleichzeitig korrespondiert, also die wahrscheinliche Machtübernahme durch die nur nach außen hin gemäßigte, nicht-rechtsradikale Partei von Marine Le Pen, das „Rassemblement National“. Das zentrale Motto dieser Partei ist der egoistische Nationalismus, „La France d abord.“ Egoismus zuerst also. Und deswegen die Forderung: Flüchtlinge und Fremde: Raus…
Weil die Katholiken wahrscheinlich besser die Paragraphen des römischen Katechismus kennen als die Menschenrechte und die Werte der Demokratie, haben gerade die „praktizierenden Katholiken“ am 9.Juni bei den Europa-Wahlen sehr heftig die beiden rechtsradikalen Parteien gewählt (42 % aller praktizierenden Katholiken). Die französischen Bischöfe haben nicht explizit die Katholiken vor den Rechtsextremen gewarnt, sie schweigen sich auch jetzt aus, nach den Ergebnissen der Europawahl. Manche kompetente Beobachter meinen: Vielleicht denken ja auch einige Bischöfe so wie die Führer der Rechtsextremen, die Bischöfe sind wie diese Politiker gegen die „Ehe für alle“, für den absoluten Schutz der heteronormativen Familie, der Liebe zum „alten Frankreich“ usw… Von den Bischöfen Rey (Toulon) oder Aillet (Bayonne) kann man das gewiss sagen.

8.
Ob dieser Zustand des „Post-Katholischen“, also der katholischen Minderheit, sich in Zukunft weiter bestätigt, hängt von vielen Faktoren ab: Gibt es Kräfte, die zur grundlegenden Reformation (nicht zur „Reform”, diese ist viel zu bescheiden angesichts der Probleme) in der Lage sind? Sind die engagierten Laien in den Gemeinden in der Lage, eine Präsenz des Katholischen zu garantieren? Bekanntlich sind sie nur HelferInnen des Klerus, die Eucharistie leiten dürfen sie nicht. Die Feier der Eucharistie wird offiziell vom Klerus als der absoluteste aller Mittelpunkte katholischen Lebens behauptet, aber die Eucharistie dürfen nur zölibatäre Priester leiten, so behalten die Priester nach wie vor die Macht in der absolut wichtigsten aller katholischen „Ereignisse“… Wenn der Klerus ausstirbt, sterben also auch die Gemeinden. Das weiß der Klerus, und er akzeptiert diesen Weg ins Ende des Katholizismus.

Und die eigentlich irgendwann einmal etwas prophetisch gesinnten Ordensleute fallen auch in Frankreich weithin aus, nicht nur weil die Orden, männliche wie weibliche, am Aussterben sind in Frankreich, sondern weil auch das Renommee der neu gegründeten, oft charismatischen Ordensgemeinschaften einfach miserabel ist, wegen der vielen Fälle sexuellen Missbrauchs vor allem durch männliche Ordensleute.

9.
Wer heute noch in dieser Kirche mitwirkt, ist meistens dem konservativen Lager zuzurechnen: Und diese Kreise sind froh, dass auch heute alles der Tradition und den angeblich unwandelbaren Dogmen entsprechen… alles Katholische soll also so bleiben, wie es – angeblich – immer schon war.
In dieser versteinerten Haltung wird die katholische Kirche zur sehr „kleinen Herde“, wie man kirchenintern gern voller Trost im Blick auf ein Jesus-Wort sagt, also zur abgeschotteten Sekte in einer „post – katholischen Gesellschaft“.
Noch einmal: Jetzt nennen sich noch 29 Prozent aller Franzosen, vor allem ältere Menschen, katholisch. Die stärkste „Konfession“ sind heute die Religionslosen, mit über 50 Prozent. Und ihr Anteil wächst. Sind diese Religionslosen aber wirklich ohne Religion? Wenn nein, welche Religion haben sie, suchen sie, das sind offene Fragen, die bisher kaum religionsphilosophisch bearbeitet werden.

10.
Mit den Menschen „sans religion“ , „ohne Religion“, sowie den 5 Millionen Muslims sowie den einigen hunderttausend Evangelikalen und 500.000 Juden und den zahlreichen Buddhisten wird sich also der Minderheiten – Katholizismus irgendwie verständigen müssen, in einer Zeit alsbald, die man dann allgemein nur „post-katholisch“ nennen wird. Nietzsche fragte einst: Wird die Kirche zum Grab Gottes? In Frankreich ist man geneigt, diese frage mit Ja zu beantworten. Man lasse sich nur vom schönen Schein der so schönen Kathedralen etc. täuschen oder von den Wallfahrtsorten und Pilgerrouten, die selbst für „Religionslose“ wichtig geworden sind, als Formen des „Besonderen“, „Anregenden“ und durchaus „Unterhaltsamen“…

………………………

FUßNOTE 1:

Man studiere die Katholizismus-Geschichte etwa seit König Ludwig XIV.: Auch wenn es im seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche katholische Ordensgründungen und mystische Bewegungen auch volkstümlicher Art (Pascal, Jansenisten etc.) gab: Eine tiefere, reflektierte und bewusst gelebte Orientierung am Evangelium Jesu gab es weithin nicht.
Darauf hat unter anderen der bekannte Historiker der religiösen Mentalitäten Prof. Jacques Delumeau in seinen zahlreichen Studien seit Mitte der 1970er Jahre hingewiesen. Etwa in dem Buch „Stirbt das Christentum?“ (Walter Verlag Olten, 1978).
Delumeaus wichtige Erkenntnis: Die Katholiken der viel gerühmten früheren Zeiten, etwa des Barock und danach, waren nicht vorbildlich christlich oder katholisch-fromm, selbst wenn sie noch in vielen Regionen sehr oft an der Messe teilnahmen.
Man lese in dem Zusammenhang auch die empirischen, schön geschriebenen journalistischen Beobachtungen und Studien von Sébastian Mercier (geb. 1740 – 1814) „Mein Bild von Paris“ (Insel-Verlag, 1979). Darin etwa das Kapitel „Messen“ (s. 134 ff.) „Sonn-und Feiertage“ (235 ff) oder „Beichtväter“: Deutlich wird die Oberflächlichkeit des Glaubens der meisten Katholiken in Paris kurz vor der Revolution (1789). Deutlicher kann der Glaube der „ältesten Tochter der römischen Kirche“ in Paris nicht beschrieben werden.

Bekannt ist auch, dass etliche französische Bischöfe schon seit 1930 deutlich sahen: Frankreich ist wieder Missionsland geworden, weil trotz der formellen Bindung an die Kirche durch die übliche Taufe die wichtige innere Verbundenheit mit dem Glauben fehlt. Das waren und sind religions-soziologische Feststellungen, die das Äußere der „religiösen Praxis“ betreffen, was aber bekanntlich nichts aussagt über den „inneren Glauben“ des einzelnen Menschen.

Jedenfalls wurden dann durch die Bischöfe Initiativen erlaubt, die ein neues Gesicht der Kirche in Frankreich zeigen sollten: Es waren seit 1940 etwa die Arbeiterpriester, die als Pfarrer und Ordensleute als „normale“ Arbeiter in den Fabriken vor allem tätig waren und keine Verantwortung in Pfarrgemeinden hatten. Die Arbeiterpriester und die entsprechenden katholischen Laienbewegungen der Arbeiter (ACO und JOC) wollten durch ihre solidarische Präsenz mit den Arbeitern zeigen: Christen sind nicht nur (groß)bürgerlich, sie stehen an der Seite des Proletariates, bis hin zur Mitgliedschaft von Arbeiterpriestern und Theologen in der Kommunistischen Partei oder der Gewerkschaft CGT, dies als Ausdruck der echten Verbundenheit mit dem Proletariat. Auch aus politischen Gründen wurde es 1954 von Papst Pius XII.Priestern untersagt, in der Fabrik zu arbeite. (das übliche vatikanische Nein zum Kommunismus und Sozialismus mit dem bekannten Ja und milden Nein zum Faschismus (Mussolini-Konkordat usw. )
Erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil 1965 erlaubte Rom wieder das „Experiment der Arbeiterpriester“, heute sind nur 20 Priester als Arbeiter tätig, weil es zu wenige Priester heute gibt… Und die wenigen jungen Priester sich in gut ausgestatteten bürgerlichen Pfarreien mit lateinischen Messen möglichst noch am wohlsten fühlen. Dass die jungen französischen Priester eher sehr rechts stehen und konservative Theologien vertreten, wurde in den letzten Monaten oft dokumentiert.

FUßNOTE 2:

Hinweise zum Ende der Klerus – Kirche:

Der Klerus in Frankreich ist noch stärker überaltert als etwa in Deutschland: In Paris und Versailles, dort, wie es schön und bequem ist, arbeiten noch etliche junge Priester. Aber in den kleinen Bistümern in der Provinz ist die Ausstattung mit den im Katholizismus immer noch für unersetzlich gehaltenen Klerikern äußerst prekär. Und dies schon seit Jahrzehnten.

Nur ein Beispiel: Die aktuelle Website des Erzbistums Sens-Auxerre in Burgund nennt in seiner aktuellen Website, gelesen am 26.6.2024, noch 64 Priester. Schaut man aber genauer hin, dann sind 2 Priester in anderen Bistümern tätig, 11 meist noch jüngere Priester stammen aus Afrika, und von den anderen, in Frankreich geborenen, sind nach meiner Recherche mindestens 20 über 70 Jahre. Die Website erwähnt sogar im Bistum tätige Priester im Alter von 94 Jahren oder 85 Jahren oder 92 Jahren.

Ich habe 1998 in dem Bistum Sens – Auxerre einen Film für die ARD realisiert, „In letzter Minute“ war der Titel, der schon das bevorstehende Ende der Kirchenstrukturen im Bistum andeuten sollte. Damals führte das Jahrbuch des Bistums „Eglise dans l Yonne“ (1998) noch etwa 100 Priester auf, wobei viele auch sehr vorgerückten Alters waren.damals lebten 320.000 Menschen im Bistum bzw.im Département. Heute, laut website des Bistum, leben dort 340.000 Menschen. Der Anteil der „praktizierenden, d.h. an der Sonntagsmesse teilnehmenden Katholiken in den ingesamt 30 Pfarreien ist minimal. Manche sprechen von 2 Prozent „praktizierender Katholiken“ in diesen Gegenden Burgunds , oft sind es Pariser mit einer Ferienwohnung dort, die an der Messe teilnehmen. Die absolut minimalen Zahlen der „praktizierenden Katholiken“ ist ähnlich in den Bistümern Troyes, Nevers, Moulins, Limoges (Guéret), Perigeux usw. usw. und es sind ganz überwiegend ältere Menschen, die sich noch in die leeren Kirchen sonntags zur Messe setzen, und es sind ältere Frauen, die in den Dörfern als „Ansprechpartner der Kirche“ noch eine gewisse Präsenz der Kirche zeigen…

Aber wer durchs Land fährt, sieht überall verfallene Kirchen, oft schon Ruinen seit 100 Jahren. LINK.

Eine gewisse Melancholie stellt sich ein: Denn die Frage nach der Schuld an diesem Zustand stellt sich ein. Es evident, dass die Herren der Kirche auch für diesen Niedergang Verantwortung tragen, weil sie katholisches Gemeinde – Leben ohne den zölibatären Klerus für unmöglich halten, also Laien nicht Verantwortung geben, die Eucharistie in neuer Form zu feiern. Selbst wenn das heute ab sofort möglich wäre, diese Reform käme zu spät. Es gibt nur wenige Laien, die diese Reformen – schon altersmäßig – mittragen können und wollen. Es ist also vorbei, mit dem Katholizismus in Frankreich, selbst wenn er nach außen hin noch als alte kulturelle Tradition sichtbar ist.

……

Einige Bücher, die für diesen Hinweis wichtig sind:

Céline Béraud et Philipe Portier, Metamorphosen catholiques. Editions de la Maison des sciences de l` homme, Paris, 2015.

Patrick Cabanel, „Le droit de croire. La France et ses minorités religieuses 16.-21. siècle“. Edition Passés Composés, Paris, 2023.

Guillaume Cuchet, „Comment notre monde a cessé d être chrétien“. Ed.du Seuil, Paris, 2018.
Ders., Le catholicisme a-t-il de l avenir en France?“ Ed. du Seuil, 2021.

Jérome Fourquet, „Á la Droite de Dieu“. Ed. du Cerf., Paris, 2018.

Danièle Hervieu – Léger, „Catholicisme, Fin d` un Monde, Ed. Bayard, Paris, 2003.

Danièle Hervieu – Léger, Jean Louis Schlegel, „Vers l `implosion? L` avenir du catholicisme“. Ed. du Seuil, 2022.

Guy Michelat und andere, „Les Francais sont – ils encore Catholiques?“, Ed. Du Cerf, 1991.

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